Land & Leute
Auf dieser Seite werden Sie in loser Abfolge spezielle Einblicke und Ansichten rund um Malawi und seine Menschen, Besonderheiten, Gebräuche und Kultur finden. Was zum Beispiel kann der african doctor für Sie tun?
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"Was sagt uns die Zukunft? Der witch doctor wirft die Knochen hoch!"
Autor: Heiner Kamphausen (Ethnologe & Reiseleiter)
"Warum verspeisen Sie Rasierklingen hier auf dem Markt in Mzuzu?“ „Damit ich genauer in die Zukunft blicken kann, das schärft meinen Verstand. Jeder soll es sehen!“ antwortet Dr. Masamba Asiyana mit sonorer Stimme auf meine Frage. Mich überrascht seine Antwort nicht, denn er lebt von seinen besonderen Fähigkeiten und kann auch Feuer schlucken. Mit seinen öffentlichen Auftritten lockt er täglich ein großes Publikum an. Dr. Masamba Asiyana bezeichnet sich als african doctor, ein Beruf, für den im südostafrikanischen Land Malawi große Nachfrage besteht.
In der Vorstellung der Heilungsuchenden sind die Fähigkeiten der doctors sehr eng mit eigenen religiösen und kulturellen Traditionen verwoben. Zur Heilung unerklärlicher Krankheiten und zur Lösung von zwischenmenschlichen Konflikten werden sie ebenso herangezogen wie zur Deutung besonderer Ereignisse. Einige der circa achttausend Heiler arbeiten in Malawi in staatlichen Krankenhäusern. Sie helfen dort, wo die Schulmedizin erfolglos bleibt. Die Erfolge ihrer Arbeit liegen sowohl in dem Wissen um besondere Substanzen als auch in ihrer sensiblen Art, Hilfegesuche anzuhören. Im Gegensatz zu anderen Heilkundigen versuchen die meisten african doctor nicht, die Körper ihrer Klientel in kranke und gesunde Bestandteile zu gliedern und nur partiell zu behandeln. Sie berücksichtigen die gesamte Persönlichkeit ihrer Patienten, mit all ihren Gefühlen, Freuden, Sorgen und Ängsten. Entsprechend ihrer Intuition und Erfahrung beraten die Heiler und verordnen ihre Medizin.
Ein wesentliches Element ihrer Heilungserfolge gründet in der Anerkennung ihres hohen sozialen Ranges. Erfolgreiche Heiler vermögen es innerhalb kürzester Zeit, die Persönlichkeit ihrer Patienten und deren Krankheitsstadium richtig einzuschätzen. Dieses Wissen bildet die Grundlage ihrer Behandlung. Die african doctors vergrößern durch ihre verbindliche und eindringliche Art, den Hilfesuchenden zu begegnen, deren Heilungschancen. Bekanntlich gilt auch hier, dass die innere Einstellung der Patienten maßgeblich über die Genesung entscheiden kann.
Die Künste der witch doctors, traditional healers oder auch herbalists zählen aber auch zu jenen Tätigkeiten, die zwar wegen ihrer geringen Kosten und der tiefen Verwurzelung in dem sozialen Gefüge gern in Anspruch genommen werden, aber in der Bevölkerung auch Misstrauen hervorrufen. Aufgrund der Nähe zur Schaustellerei wirft man den zum Teil selbsternannten Heilmännern häufig Scharlatanerie vor.
Skepsis ist verbreitet und durchaus angebracht. Dr. Masamba Asiyana behauptet, übernatürliche Kräfte zu besitzen, die es ermöglichen, durch einen Blick in die Zukunft das Schicksal jedes Einzelnen zu erkennen. Stehe Unheil bevor, so könne er es abwenden, sofern man seinem Rat folge. Aber auch die Behandlung gewöhnlicher Krankheiten zählt er zu seinem Repertoire. Schließlich lebt er von dem Verkauf seiner selbst gemischten Medizin.
Mich interessieren seine Vorgehensweise und seine Chancen, erfolgreich zu heilen. Im Anschluss an die öffentliche Darbietung frage ich ihn, was mir die Zukunft bringt? Ganz in der Nähe setze ich mich zu einem Gespräch mit ihm unter einen Schatten spendenden „Palaverbaum“. Wir sind zu Dritt, Elias Sparkes, sein malawischer Assistent, übersetzt. Dr. Asiyana schaut mich mit blutunterlaufenen Augen eindringlich an. Er erfragt meinen Namen und wirft einige Tierknochen hoch in die heiße Luft. Mystische Spannung verbreitet sich nur für einen kurzen Augenblick. „Bomm“, die Knochen prallen auf den ausgetrockneten Boden der Realität zurück. Asiyana nimmt einen Fetisch aus aufgereihten Perlen in seine Hände und liest aus der Anordnung der Knochen meine Zukunft: „Du bist ein stolzer Mann, Deine Freunde daheim sind neidisch auf Dich. Aber Deine Gedanken schweifen in der Ferne, deine Heimat, denn Probleme führten Dich hierher. Eigentlich bist Du gar nicht so recht hier“, will mir der african doctor weismachen. Ich bin verdutzt, so wenig stimmt von dem Gesagten. Es interessiert mich aber, welche Konsequenzen er für meine Zukunft daraus zieht? Neugierig warte ich auf weitere Interpretationen. „Unglück“ verkündet er hellseherisch, „von Unglück wird Deine Zukunft geprägt sein. Geldsorgen werden Dich überkommen, die Du nicht so schnell wieder abschütteln wirst“, spricht er mit schnellen Worten. Gleichzeitig versucht er mich mit sanfter Stimme zu beruhigen. Befreiung könne ich mir durch die Einnahme seiner Medizin verschaffen. Er böte sie mir später an. Na, das wäre ja prima, denke ich. Seine Aussagen bewerte ich jedoch im Stillen als Floskeln.
Rasierklingenscharf bemerkt der doctor meine Skepsis und möchte mir nun auf andere Art Beweise für seine übernatürlichen Kräfte liefern. Durch seinen kraftvollen Ausdruck in Sprache und Blick versucht er nun seiner Autorität Nachdruck zu verleihen. „Schau her, was ich kann, ich habe Kraft und besitze besondere Fähigkeiten.“ Zu meiner großen Überraschung spreizt er die Beine und senkt seinen Körper in den Spagat. Mit seiner Armeehose und Soldatenstiefeln bekleidet wirkt er auf mich jedoch nur unfreiwillig komisch. Eher wie ein getrimmter, aber ausgemusterter Soldat, als ein Vertrauen erweckender Heiler. Entgegen meiner Wahrnehmung sieht er sich durch die Darbietung in seinem Erfolg bestätigt. Für ihn ein Grund, den Preis für seine Tätigkeit auf ein höheres Niveau zu schrauben. Zweihundertdreißig Kwacha (ca. € 1,-) extra verlangt er jetzt und sagt auch gleich, wofür er das Geld verwenden wird: „für Chibuku“, eine weit verbreitete lokale Biersorte. Ich gebe mir Mühe, ernst zu bleiben und frage nach seiner staatlichen Lizenz, die ein traditioneller Heiler in Malawi bei sich tragen muß, um sich als Heilkundiger auszuweisen. Er lenkt ab. Sein Vater sei auch ein traditioneller Heiler gewesen. Er selbst, Masamba Asiyana, habe von seiner eigenen Heilfähigkeiten in einer Vision erfahren. „Um die heilende Wirkung meiner Medizin weiß ich seit einem Traum im Alter von 14 Jahren“, erklärt der nun Fünfundzwanzigjährige. Er beginnt mir die Wirkungsweise seiner ausgebreiteten afrikanischen Apotheke zu erläutern:
Die Kralle, so rät er, sei gemeinsam mit der Kalebasse in die Ackererde einzugraben. Dann könne das Feld bald bestellt werden. Circa zwei Drittel seiner vierzig täglichen Kunden stammen vom Land. Für sie sei es schließlich sehr wichtig zu wissen, wann der Zeitpunkt für Flurbestellung günstig ist. Folge man seinen Anweisungen genau, sei das Feld auch schon oft zur rechten Zeit von selbst bestellt. Zweifelnd schaue ich ihn an. Auch Elias, der Dolmetscher, kann sich ein Lachen nicht verkneifen. Den präparierten Krokodilschädel neben der Kralle, fährt Dr. Asiyana schnell fort, verwendet er, um daraus Pulver zu gewinnen. Dies in Wasser gelöst befreie von Bauchschmerzen. Er muß mir wohl ansehen, dass ich auch Bauchschmerzen bekomme, wenn er weiter erzählt. Dennoch möchte ich mehr erfahren. Auch der Schildkrötenpanzer schütze vor Leiden und bösen Geistern, wenn man die gewonnene Asche in die Haut ritzt. Haare der Zebramähne werden in Öl gelöst und auf die Stirn gestrichen. Sie brächten einfach Glück, verkündet der Heiler.
Bei meinen ungünstigen Zukunftsprognosen kann ich ja das Glück besonderes gut gebrauchen und bitte, die Rezeptur auf meiner Stirn zu verstreichen. Zum Glück brauche ich sie nicht zu trinken, denke ich. Routiniert trägt der african doctor die klebrige Flüssigkeit mit seinem Daumen auf meiner Stirn auf. Ich danke ihm. Falls mein Glück doch noch länger auf sich warten läßt, rät er zur Einnahme eines von ihm selbst hergestellten Pulvers aus gedörrtem Marderfell. „Keiner vermag einem dann mehr etwas anzuhaben“, verheißt Masamba Asiyana. Das wünscht er sich wohl auch für sich. Er ist sich seiner Sache sicher; Gegenbeweise zu all seinen Aussagen lassen sich in diesem Augenblick nur schwerlich erbringen. Und wenn doch, empfiehlt er eben ein anderes Mittel aus seiner phantasievoll zusammengestellten Apotheke. Ich zahle die von ihm festgesetzte Summe, die sich wie immer nach der Schwere der Krankheit und Zuschlägen für besondere Leistungen berechnet. Die Hitze läßt nach, der Abend bricht an. Ich schaue noch beim Zusammenpacken zu. Eilig hilft ein kleiner Junge, die Kultgegenstände auf der ausgebreiteten Plastikfolie zusammen zu schütten. Recht unkultig, geradezu respektlos werden sie gebündelt und verpackt. Dennoch ist die Vorstellung für heute erfolgreich beendet. Für diesen african doctor ist es Zeit, in den Bottle Store, eine Kneipe für weniger Betuchte, zurückzukehren. In der Hoffnung, das prophezeite Unheil noch rechtzeitig abgewendet zu haben, bleibe ich mit leicht verschmierter Stirn lächelnd zurück.